Kurz Kontur bekommen

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Madeleines Hand liegt offen auf dem Laken. Die Hand flüstert mir leise ins Ohr. Sie zieht mich förmlich an. Und ich möchte so gerne meine Hand in ihre legen. Die kleinen Linien und Rillen auf der Haut spüren. Das Pulsieren. Ihr Leben. Doch ich kann nicht. Etwas hält mich zurück. Ich habe Angst, plötzlich wieder ohne Madeleine zu sein. Oder die Hand in die ihre zu legen und nichts zu spüren.

Stattdessen starre ich an die weiße Decke, die vom schwachen Licht der Nachtischlampe erhellt wird. Wir sind zu zweit und ich fühle mich doch allein. Ich denke an Leonardo Di Caprio, seinen Sexappeal und möchte sofort die Wohnung verlassen, um im diffusen Nachtleben diesem Bild angehimmelter Männlichkeit nachzueifern. Aber ich bleibe liegen mit einem Brennen im Bauch. Viel mehr einer brennende Sehnsucht nach dem, was in mir und um mich geschieht. Die Dinge zu sehen, die auch jetzt gerade verhüllt sind. Aber mir kann keiner sagen, wie das geht und stattdessen spüre ich eine Leere in mir.

Als ich den Kopf drehe und Madeleine ansehe, bin ich angewidert. Nicht von ihr bin ich angewidert, ich finde mich selbst abstoßend. Vor allem, weil ich in Madeleine nicht mehr als eine Hoffnung für mich sehe, die verspricht, meine Leere zu füllen. Wieder einmal will ich ein anderer sein, um der Leere entfliehen zu können.

Mein Handy, das am Boden neben dem Bett liegt, vibriert. Ich sehe eine Nachricht von Katia, die mich fragt ob ich vorbeikomme. Kurz spiele ich mit dem Gedanken zu ihr zu fahren. Doch sie ist zu weit weg.

Ich fahre mit dem Zeigefinger über Madeleines rechten Arm. Die dünnen, weißen Härchen auf ihrem Arm stellen sich auf. Jeder scheint irgendeine Form von Leidenschaft oder Passion in sich zu tragen, aber bei mir ist da ein Loch, durch das man hindurchschauen kann. Und ich frage mich, wieso ich so allein mit meiner Leere bin.

Madeleine greift zu ihrem Handy neben dem Bett. „I want you to be happy “, schallt aus der Bluetooth-Box auf der Commode. Die allumfassende Stille, die davor wie ein grauer Dunst über uns hing, verschwindet und die Musik übertönt die Gedanken in meinem Kopf, stillt aber nicht das Brennen. Ich habe das Bedürfnis, die Box gegen die Wand zu schleudern. Diese Aufforderung zum Glücklichsein hält mir den Spiegel vors Gesicht und ich werde mir meiner Leere noch stärker bewusst. Ich frage mich, warum gerade mein Leben so formlos ist. Ich muss an Monet denken und wie er den Nebel malte, dass die Themse, ihre Brücken und der Himmel darüber zu einem formlosen Farbenmeer verschwimmen. Und – ja, ich löse mich tatsächlich selbst in diesem Farbenmeer auf.

Madeleine setzt sich auf und beginnt zu reden. Ich kann nicht zuhören, da ich weiterhin mit mir beschäftigt bin. Auch sie ist so weit weg. Ich vergleiche kopfabwärts Madeleine mit Katia. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Katia oder Madeleine heißer finde. Ich schnappe die Worte „Massentierhaltung“ und „artgerecht“ auf. Ich verspüre wie so oft den Zwang, zu viel mehr Dingen eine Meinung haben zu müssen.

Ich setze mich auf und zünde eine Zigarette an. Ich weiß nicht, ob ich in Madeleines Wohnung rauchen darf. Während ich den Rauch inhaliere, prickelt meine Haut. Ich schaue auf Madeleines nackten Körper. Ihre Kurven und ihre Haut sind perfekt. Fast wie eine Skulptur. Ich spüre das Brennen. Ich habe Lust sie zu würgen, um tiefer zu greifen, nicht nur diese perfekte Oberfläche zu berühren. Ich stelle mir vor, wie sie anfangs erregt stöhnt, bis ihre Lippen langsam blau werden und ihr lustvoller Blick entsetztem Schrecken weicht. Stattdessen schiebe ich mit der freien Hand die Haare zur Seite und küsse ihren Hals. Ich nehme das erste Mal ihren Geruch wahr. Die Mischung aus Blumen und ätherischen Ölen gefällt mir. Umfasst mich. Formt den Moment harmonisch zu Wellen. Die Ebbe drängt sich nicht auf. Der Sand ist weich, ohne Kanten. Wie aus einem Guss. Madeleines Geruch weht durch mein Haar. Ohne Gefahr.

Der Zigarettenrauch stört meine Phantasie. Ich schmeiße den Zigarettenstummel, begleitet von einem Zischen, in das halbvolle Weinglas neben dem Bett am Boden. Als ich mich dabei von Madeleine abwende, befällt mich erneut die Ruhelosigkeit von vorhin. Plötzlich möchte ich wieder die Wohnung verlassen. Aber ich weiß nicht wohin. Alles ist weit weg.

Madeleine legt ihren warmen Kopf auf meine Brust. Ich spüre mein Herz schlagen. Auf einmal übermannt mich Schuld. Ich fühle mich schuldig, abermals dem Brennen in mir nachgegeben zu haben. Wieder habe ich einen Menschen aus Gefühlen, Blut und Gedanken wie einen Einwegartikel benutzt. Natürlich habe ich nichts versprochen, als wir nach der Bar gemeinsam zu ihr sind. Aber es fühlt sich so an. Ich bin von mir weit entfernt. Ich verstehe nicht, wo ich bin und wo ich mich hinbewege.

Ich muss an all jene exzessiven Teilzeit-Freigeister denken, die lauthals bedeutungslosen, rein triebgeleiteten Sex anpreisen. Mir wird bewusst, dass auch ich zu ihnen gehöre und ich erkenne die Leere, die tief versteckt in solchem Reden liegt. Meine rasende Ruhelosigkeit, von einem Bett in das nächste, ist im Kern nichts als ein Sich-Entziehen. Ich will Nähe und Zärtlichkeit, aber ohne den Preis der eigenen Verletzbarkeit. Ich will das eine, ohne das andere und ich versuche immer wieder Entscheidungen zu entgehen. Mein Problem an Entscheidungen ist nicht das Auswählen an sich, sondern mit der Auswahl eine ebenfalls reizende Option aufzugeben. Ich spüre bei der Aufgabe von Möglichkeiten Angst und ich habe das Gefühl einen Teil von mir zu sezieren. Einen Zeh oder einen Finger. Es ist nicht tödlich, aber ein Schmerz, gegen den sich mein Körper mit allen Kräften wehrt.

„Was denkst du?“. Madeleine schaut mich an. Ich hasse diese Frage, vor allem, weil sie mich in den Zugzwang setzt, etwas von mir Preis zu geben. Ich schaue sie an. Ihre Augen sind strahlend blau. Die Lippen voll. Die Gesichtszüge markant. Das Haar rot. Schulterlang. Sie zieht mich auf eine Art und Weise an, die mehr als triebhaft ist. Ich sehe jetzt den eigentlichen Grund, warum ich nicht zu Katia gefahren bin. Ich stelle mir vor, wie es wäre mit Madeleine zusammenzuleben. Jeden Morgen in dieses Gesicht zu schauen, wenn ich aufwache. Abends zu erzählen, wie mein Tag war. Je länger ich mich der Vorstellung hingebe, desto übermannender wirkt sie auf mich. Von allen Seiten wirbeln andere Möglichkeiten, die ich verpassen würde. Die Versprechen, die sich nicht einlösen. Ich will sie alle haben.

„Hey, was denkst du?“, wiederholt Madeleine. Ich kehre zurück in das verrauchte Schlafzimmer und überlege was ich jetzt sage. Entweder ich erzähle, wie gerne ich zu Madeleine will, aber in mir gefangen bin, mich gleichzeitig so weit von mir entfernt sehe, sodass ich mich im Gefilde der Möglichkeiten auflöse. Oder, ich erfinde eine romantische Lüge über Madeleine und mich. Ich kann mich nicht entscheiden und wähle das formlose Dritte.

„Nichts.“, antworte ich und ziehe Madeleine am Nacken an mich heran. Sie spielt das Spiel mit und schmiegt sich an mich. Vielleicht, weil sie es nicht besser weiß oder weil sie es wie ich leid ist mit sich selbst konfrontiert zu sein. Ich küsse sie. Während ich in sie eindringe, habe ich das Gefühl, einen Teil meiner Leere abzugeben. Ihr nah zu sein. Mir nah zu sein. Ich komme. Die Dunkelheit zieht mich herab. Alles verschwimmt erneut in Formlosigkeit. Wieder bin ich weit weg von ihr, von mir, von etwas Greifbarem.

Ich bleibe seitlich auf ihr liegen und schaue an die weiße Decke. Immerzu grinst ein weiteres Versprechen mephistolös durch die Neonlichter der Nacht. Jede Nacht renne ich ruhelos von einer misslungenen Bekanntschaft zur nächsten. Getrieben von dem Brennen im Bauch. Getrieben von dem Wunsch nicht mehr allein zu sein. Ich erlebe nie etwas Neues. Und jede Bekanntschaft ist gleich, vielleicht mit einer anderen Haarfarbe. Ich rede mir ein, dass mein überanstrengendes Kennenlernenwollen irgendwann gelingt. Ich habe viele Ideen, wie es aussehen könnte und genauso viele Ideen, im Laufe meiner ruhelosen Streifzüge dazugewonnen.  Jede dieser Ideen verspricht einen anderen reizvollen Ausgang oder Zustand. Wie will ich mich da entscheiden. Mit jeder weiteren Möglichkeit verunmöglicht sich eine Entscheidung. Jede weitere Möglichkeit vermehrt die Qual, die Kraft des Sich-Entziehens – die Leere.

Ist Schlaf meine absolute Form des Sich-Entziehens? Denke ich, bevor mich die Dunkelheit herabzieht – ich schlafe ein.

Madeleines und mein Körper sind ineinander verschlungen, als ich aufwache. In fließendem Übergang verbinden sich unsere Körper, unsere Linien. Zwei Menschen vereint zu einem Wesen. Das Laken und die Kissen umrahmen uns in einer chaotischen Bahn. Meine Leere beginnt sich aufzulösen. Ich spüre etwas, dass ich fast Hoffnung nennen will. Ich schaue zu Madeleine. Sie schläft. Ich glaube, einen Grund gefunden zu haben, nicht mehr in die bedeutungslose Nacht, mit ihren Lichtern und Versprechen, flüchten zu müssen.

Mein Handy vibriert. Flora fragt, ob ich vorbeikomme. Die Leere und das formlose Farbenmeer ziehen auf und es beginnt sich erneut etwas in mir aufzulösen. Meine Schuld wächst. Angst erfasst mich, irgendwann nur noch eine leere Hülle zu sein. Tot, in der Blüte meines Lebens.

Ich will dem allen Stand halten, an der eben aufgeblühten, einenden Hoffnung festhalten, aber ich kann es nicht und stehe lautlos auf. Bevor ich aus dem Zimmer gehe, schaue ich nochmal zurück auf Madeleine. Sie liegt, wie das Leben, ungreifbar vor mir. Es wäre so einfach. Ich müsste nur zurück ins Bett zu Madeleine. Sie dreht sich mit einem leichten Seufzen und legt sich auf die Seite. Die Gesichtszüge weich. Gehüllt in das weiße Laken, verspricht sie Geborgenheit. Als ich mich kurz darauf einlassen kann, spüre ich meine Leere fast nicht mehr. Doch ich kann nicht zu ihr. Der Raum zwischen uns hat sich undurchdringbar verstofflicht. Verdichtet durch Versprechen aus vielen anderen Schlafzimmern. Gefestigt durch die Möglichkeiten der schummrig beleuchteten Nächte. Mit all den Clubeingängen, aus denen ich selten alleine und doch alleine trete. Ein Kratzer am Rücken – das Hämatom der Nacht. Der Betrag vieler oberflächlicher Kratzer, ergibt in der Summe ebenfalls Tiefe, jedoch ist es nicht das gleiche, aber jetzt einfacher. Eigentlich überhaupt erst zu bewältigen.

Bevor ich die Wohnung verlasse, fällt mein Blick auf einen kleinen Stapel Notizzettel. Ich überlege eine Nachricht zu hinterlassen. Die Entscheidung, für oder gegen eine Zukunft mit Madeleine, in ihre Hände zu legen. Doch ich kann nicht. Ich renne gelähmt und mit aufgerissenen Augen immer weiter weg.

Die Haustür klickt leise hinter mir. Mir wird schwindelig. Meine Knie werden weich. Ich muss mich an der Wand abstützen.

Als ich aus dem Haus trete, fällt die Sonne auf mein Gesicht. Ich suche in den Häuserreihen Schatten und gehe zur U-Bahn.

An der Haltestelle erlebe ich abermals die letzte Nacht. Wie ein Stummfilm läuft sie vor meinem inneren Auge ab. Vor allem das letzte Bild brennt sich ein. Madeleine allein im Bett, gehüllt in das weiße Laken. Mir drängt sich die Frage auf, wie es wäre, jetzt einen Schlussstrich zu ziehen. Dieses so genannte Leben zu beenden. Ich glaube, damit die Lösung gefunden zu haben und bin überzeugt, mich dieses eine Mal wirklich entscheiden zu können. Eine beängstigende Erleichterung befällt mich. Nach dem Verlassen der U-Bahn, bleibe ich am Gleis stehen, bis es leer ist. Ich schaue in den schwarzen U-Bahnschacht. Ein fernes Rattern dringt zu mir. Ich sehe zwei entfernte weiße Punkte aus dem U-Bahnschacht leuchten. Ich mache einen Schritt. Das Rattern wird lauter. Die weißen Punkte werden zu Bällen. Ich muss an einen Blitz denken, mit dem Unterschied, dass nach dem Donner die Themse, ihre Brücken und der Himmel nicht mehr verschwommen vor mir liegen. Ich drehe mich um und laufe zum Ausgang.

Als ich aus der Haltestelle auf die belebte Straße trete, weiß ich, dass es nie über dieses Gedankenexperiment hinausgehen wird. Ich spüre mein Brennen. Finde mich formlos im Farbenmeer wieder. Mein Handy vibriert. Mona hat mich zum Frühstück eingeladen.

 

 

 

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